Listen - Foto: Steven Shorrock (CC BY-NC-SA 2.0)

Listening In: [Zu]Hören als solidarischer Akt

Ein Beitrag mit ganz vielen Podcasts. Und über das Hören als solidarischer Akt.

Dieser Text liegt seit Monaten als Entwurf hier auf meinem Blog. Begonnen habe ich ihn wenige Tage nach dem rassistischen Anschlag von Hanau am 19. Februar 2020. Seit Tagen nun sehen wir Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt. Auslöser war der Mord an George Floyd am 25. Mai 2020 in Minneapolis. Diese Tat war wie das Streichholz an einer Lunte, die seit Wochen gelegt wurde: Durch neuerliche Akte rassistischer Gewalt und die Erkenntnis, wie viel stärker besonders Schwarze in den USA von den Folgen der Pandemie betroffen sind. Doch nicht nur in den USA, weltweit solidarisieren sich Demonstrant*innen, auch hierzulande. Vielleicht ein Aufbruch. DER Aufbruch, endlich.

Ein Teil der Reaktionen auf Hanau und die BlackLivesMatter-Proteste, aber auch das weitgehende öffentliche Schweigen zum seit Corona besonders grassierenden Rassismus gegen asiatisch gelesene Menschen … all das hat wieder einmal verdeutlicht: Die deutsche Mehrheitsgesellschaft hat auch im Jahr 2020 vielfach Probleme, rassistische Strukturen und ausgrenzende Dynamiken zu verstehen, anzuerkennen und einen Umgang damit zu finden. Diese oft stumpfe, bequeme Ignoranz hat maßgeblich den Nährboden für diese – und viele andere – Taten bereitet. Sie sind eine schmerzliche Erinnerung daran, dass die Mehrheitsgesellschaft angesichts der Bedrohung durch Rechtsextremismus, Diskursverschiebungen und eklatantem Alltagsrassismus nicht in der Lage (oder bereit) ist, marginalisierte Gruppen hinreichend zu schützen. Wir es nicht schaffen, unsere Mitbürger:innen mit Zuwanderungsgeschichte, anderer Religion, nicht-weißer Hautfarbe, mit Namen außerhalb des Meier-Müller-Schulze-Spektrums, zu versichern: Ihr seid ein wichtiger Teil dieses Landes, in dem ihr in Frieden, Sicherheit und Würde leben könnt, und dessen Gegenwart und Zukunft ihr mitgestaltet.

Hinzu kommt der teils haarsträubende öffentliche Umgang mit Themen wie Rassismus, Antisemitismus und rechtem Terror (Stichwort: NSU). Besonders aber die breite Unfähigkeit von Medien, Betroffene und Expert:innen zu Wort kommen zu lassen, Raum für die Diskussion ihrer Anliegen, Erfahrungen und sozialen wie politischen Forderungen zu schaffen. All das ist beschämend. Genauer noch: „unterirdisch“, wie Samira El Ouassil auf Spiegel.de treffend schreibt.

Nun stellen sich viele Menschen nicht erst seit Hanau oder Minneapolis die Frage: Was können wir tun? Wie können wir uns solidarisch zeigen? Auf diese Fragen, die auch ich mir stelle, gibt es viele Antworten. Eine davon klang in den letzten Tagen und Wochen oft an: Hört zu.

Sit down and listen.

Es folgt nun eine Reihe an Podcasts von und mit Schwarzen Hosts, People of Color, Podcaster:innen mit Migrationsgeschichte, Jüd:innen, Muslim:innen, postmigrantischen und diasporischen Stimmen. Manche werden rein privat produziert, andere sind professioneller aufgestellt. Manche thematisieren explizit Fragen von Herkunft, Identität, Ausgrenzung, Rassismus. Andere tun dies nicht. Alle Formate sind eine Einladung zuzuhören, zu lernen, zu verstehen, zu reflektieren, zu handeln – ich liste sie hier in alphabetischer Reihenfolge, unkommentiert.

The Mindful Sessions

Diese Podcasts sind so unterschiedlich. Viele richten sich auch gar nicht an Kartoffeln, im Gegenteil. Aber sie sind da und sie haben alle etwas zu erzählen. Also: Sit down and listen.


Vor allem aber: EDUCATE yourself. Es ist nicht die Aufgabe der von Rassismus, Ausgrenzung und Marginalisierung unmittelbar betroffenen Menschen, die Mehrheitsgesellschaft immer und immer wieder zu bilden bzw. an ihre Privilegien zu erinnern. Das zu tun, dazu ist auch jede*r selbst verpflichtet. Deshalb an dieser Stelle noch ein paar Hörtipps:

Die Journalistin Alice Hasters hat das Buch „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten“ geschrieben – das gibt es als Hörbuch z. B. auf Spotify. Auch das Buch „EXIT RACISM – rassismuskritisch denken lernen“ von Aktivistin und Antirassismustrainerin Tupoka Ogette findet ihr dort als Hörbuch. Über den ‚White Savior Complex‘ und damit verbundene Probleme spricht Host Madeleine dariadaria Alizadeh mit Autorin Fabienne Sand in Folge 67 des Podcasts a mindful mess.

Zur Debatte um Alltagsrassismus und die BlackLivesMatters-Proteste äußerten sich u. a. in der Sendung Ab 21 (DLF Nova) vom 2. Juni verschiedene Expert*innen, Politiker*innen und Aktivist*innen. Auch in der Ausgabe vom 4. Juni 2020 des Podcasts Lakonisch Elegant (DLF Kultur) geht es um die aktuellen Proteste. Und um die Frage, welche Rolle Sprache (bzw. Sprachlosigkeit) in der Beschreibung wie strukturellen Diskriminierung von Menschen spielt. In der Sendung Tacheles vom 6. Juni 2020 forderte die Soziologin Natasha A. Kelly eine Auseinandersetzung mit den strukturellen Dimensionen von Rassismus ein, besonders auf politischer Ebene. Sehr hörenswert ist zudem das Gespräch im Podcast Dissens mit Aktivist Tahir Della (Initiative Schwarze Menschen in Deutschland e. V.) zum Mord an George Floyd und rassistischer Polizeigewalt. Zum Kontext rassistisch motivierter Polizeigewalt in Deutschland: WDR 5 hat gerade einen Doku-Podcast über den gewaltsamen Tod von Oury Jalloh veröffentlicht, der am 7. Januar 2005 in einer Dessauer Haftzelle starb. In der fünfteiligen Reihe geht Margot Overath den offenen Fragen des nach wie vor nicht hinreichend aufgeklärten Falles nach.

Bereits im Februar hatte der Anschlag von Hanau die wichtige öffentliche Debatte um Rassismus und die Gefahr durch rechtsextremistische Strukturen in Deutschland ins Rollen gebracht, wegen der Corona-Pandemie war sie jedoch ins Stocken geraten. Damals haben u. a. der Machiavelli-Podcast und Ab 21 Sonderfolgen zu Hanau gebracht, die an die aktuelle Diskussion unmittelbar anschlussfähig sind. Auch in vielen der oben gelisteten Formate war Hanau Thema. Weniger öffentliche Aufmerksamkeit fanden die rassistischen Anfeindungen und Übergriffe auf asiatisch gelesene Menschen in vielen Teilen der Welt, aber auch hierzulande, im Zuge der Corona-Pandemie. Unter dem Hashtag #ichbinkeinvirus haben viele Betroffene und Zeug:innen auf Vorfälle hingewiesen. In Folge 16 des Podcasts Solidarität stellt Victoria Kure-Wu das daraus hervorgegangene antirassistische Netzwerk „Ich bin kein Virus“ vor.

Neben den aktuellen Podcasts produzieren auch verschiedene Stiftungen, Initiativen und Bildungsinstitutionen Formate zu Themen wie Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus. Darunter z. B. Gegenpol, das Podcast-Magazin der Vielfalt Mediathek, die Podcasts Aufklären & Einmischen von NSU-Watch und vbrg e.V., de:hate von der Amadeo Antonio Stiftung oder modus | extrem vom Zentrum für angewandte Deradikaliserungsforschung. Auch die Begegnungsstätte Anne Frank hat ein breites Audioangebot. Multivitamin ist der Podcast des Flüchtling Magazin Hamburg zu Themen wie Migration, Flucht und Zusammenhalt. Und im Feature-Podcast Denkangebot setzt sich Autorin Katharina Nocun u. a. mit rechtsextremen Netzwerken in Deutschland auseinander. Auch hörenswert ist eine Audio-Reportage der Journalistinnen Vanessa Vu und Minh Thu Tran über die sog. ‚Boat People‘, denen vor rund 40 Jahren auf der Cap Anamur die Flucht aus Vietnam gelang.

Darüber hinaus gibt es noch viele weitere Reihen, in denen es u. a. um Themen wie Herkunft und Teilhabe geht, z. B. Vor der Mio, eine Deutschrap-Reportagereihe von Salwa Houmsi, oder die Interviewreihe Kultur öffnet Welten. Einige Interviewpodcasts haben zudem immer wieder bekanntere oder weniger bekannte Menschen zu Gast, deren Perspektiven auf Alltagsrassismus, aber vor allem auch auf Empowerment und Solidarität hörenswert sind (z. B. Deutschland3000, Role Models Podcast, Mensch, Frau Nora).

All dies sind natürlich nur ein paar Beispiele. Sie sollen hier exemplarisch stehen für eine Podcastlandschaft, die sich nicht nur stärker diversifiziert und Raum für nicht-weiße Stimmen und Perspektiven entstehen lässt, der in klassischen Medien leider meist fehlt. Sondern auch viele Möglichkeiten bietet, sich weiterzubilden, (Hör)Stück für (Hör)Stück den eigenen Horizont zu erweitern. Und vor allem dran zu bleiben, auch wenn die aktuellen Debatten wieder abflauen (was sie sehr wahrscheinlich leider werden). Dieser Beitrag hier kann keinen Anspruch auf Vollständigkeit haben. Dennoch: Gebt mir bitte sehr gerne Hinweise auf Formate und Hörempfehlungen, die aus eurer Sicht fehlen bzw. erwähnt werden sollten. UPDATE [7. Juni 2020]: Einige Formate habe ich oben eingefügt, Ergänzungen findet ihr außerdem hier im Thread auf Twitter (da dürft ihr natürlich gerne weiter Hörtipps da lassen :-)

Ergänzung [20. Juni 2020]: Dieser Text hat viele Menschen erreicht. Das ist schön. Unter anderem wurde er im Über Podcast (DLF Kultur) vom 19. Juni erwähnt, in der es um BPoC und Diversität in Podcasts geht. In der Folge kommen Sara Weber, die einen engl. Podcast-Newsletter betreibt, und Frank Young von Halbe Katoffl zu Wort. Interessant ist auch die Auseinandersetzung mit der Bedeutung des Zuhörens (seiner Kraft, aber vielleicht auch Floskelhaftigkeit) im öffentlichen Diskurs um Rassismus. Darüber spricht Emilia Roig vom Center for Intersectional Justice in Folge 88 des DLF Kultur-Podcasts Lakonisch Elegant.


Addendum

Eigentlich wollte ich noch ganz viel schreiben, über das Hören als solidarischer Akt. Wie froh wir sein sollten über jeden Podcast, in dem nicht ausschließlich weiße (oft männliche) Perspektiven um sich selbst kreisen. Wie wichtig Vielfalt für die Podcastlandschaft insgesamt ist – was leider oft kaum bemerkt, geschweige denn gewürdigt wird (wie ich hier letztes Jahr schrob). Alles mal geschenkt, wäre eh nur so akademisches Zeug.

Aber den Titel des Beitrags, „Listening In“, möchte ich dennoch kurz erklären. In ihrem Buch Listening Publics [1] beschreibt die britische Kulturwissenschaftlerin Kate Lacey das (Zu)Hören – das Zuwenden zu einem Medienkanal, einem Hörangebot, einer Stimme – als politisches Handeln. Als aktiven Akt, der in seiner öffentlichkeitstheoretischen Dimension oft übersehen und in seiner Wirkmacht unterschätzt wird. Während wir emanzipatorisches Medienhandeln oft mit dem Stimme ergreifen, also der Produktion assoziieren, kann auch das Hören – das ‚Listening In‘ – ermächtigend, politisierend und mobilisierend wirken. Das haben Chadha et al. [2] bereits 2012 in einer Befragung von Podcastnutzer:innen festgestellt. Für Vrikki & Malik [3] sind Podcasts in diesem Sinne nicht nur eine Plattform der sozialen wie politischen Selbstermächtigung für „minorities“ und „communities of resistance“, sondern auch ein „anti-racist-tool“: Das Auditive befreit die Sprechenden, aber eben auch die (Zu)Hörenden in gewisser Weise von der Beurteilung über das Äußere. Zugleich vermitteln Sounds und Sprache in besonderem Maße Emotionen und eine Dringlichkeit, die durch die Intimität des Hörens noch verstärkt wird. Für McHugh (2014, S. 141) birgt daher gerade Audio das Potenzial “to transcend social, cultural and racial differences and forge a visceral connection” [4]. Podcasts, die es uns erlauben unmittelbar, ohne mediale Filter in Diskurse und Schilderungen betroffener Menschen ‚hinein zu hören‘, in denen zugleich alternative Repräsentationen und Identitäten anklingen, können laut Vrikki & Malik neue soziale Zugehörigkeiten entstehen lassen und Antirassismus befördern. Und genau das brauchen wir: Solidarisierung, aber auch ein kontinuierliches Mitwirken weißer Menschen an der Abschaffung rassistischer Strukturen und systemischer Ungleichheiten. Nur so kann, wie Christian Bangel bei ZEIT Online schreibt, aus „folgenloser Anteilnahme“ wirksamer politischer Druck entstehen.

Letztlich verweist Lacey’s ‚Listening In‘ auf unsere Rolle und Verantwortung als Rezipient:innen: Wem schenken wir Gehör? Wem widmen wir unsere Zeit? Wem geben wir Resonanz, durch Feedback, Weiterempfehlungen usw.? Wessen Stimmen lassen wir in unseren Alltag, in unser Ohr dringen? Mit wessen Perspektiven setzen wir uns auseinander? Wessen Themen, wessen Art(en) zu sprechen, wessen Empfindungen und Erfahrungen erlauben wir, auf uns zu wirken? Das alles sind sehr wohl nicht nur Fragen persönlicher Vorlieben und Gewohnheiten. Sie haben auch eine politische Dimension. Denn sie haben etwas damit zu tun, wie wir die Welt wahrnehmen. Und ob wir an ihrer Verfasstheit etwas ändern wollen, zum Wohle aller.

Sit down and listen: [Zu]Hören als solidarischer Akt – so hier ist’s gemeint (Hör-Tipps findet ihr im Thread).

Das ‚Hinein Hören‘ kann also Voraussetzungen für Reflexion und Wandel schaffen, im persönlichen wie beruflichen Umfeld. Und weiter gefasst auf unser soziales und politisches Handeln als Gesellschaft einwirken. Und hier gibt es viel zu tun. [Zu]Hören kann freilich nur ein Teil davon sein. Der Anfang eines Verstehensprozesses. Einer anderen Haltung. Ein solidarischer Akt.

Hört hin.
N.

P. S. Falls ihr diesen Text hilfreich fandet: Bitte teilt ihn gerne. Vor allem aber: Hört und empfehlt die genannten Formate weiter, supportet die Hosts, wo es euch möglich ist. Einige sind z. B. auf Steady zu finden – weitere Unterstützungsmöglichkeiten könnt ihr meist bei den Podcaster:innen erfragen. Bitte geht auch direkt auf sie zu, wenn ihr mehr über ihre Podcasts und Anliegen erfahren wollt. Eine Sammlung mit allen oben gelisteten Podcasts findet ihr auf fyyd.de.

Was ihr außerdem tun könnt: Gebt Geld an antirassistische zivilgesellschaftliche Organisationen, z. B. die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland e. V. (Spendenseite) oder das Bildungs- und Empowerment-Projekt Each One Teach One e. V. (Spendenseite). Die Journalistin Anna Dushime hat auf Twitter eine Aktion gestartet, bei der in den kommenden Tagen verschiedene Gruppen vorgestellt werden, die man unterstützen kann.

Die Recherche der hier genannten Formate wurde u. a. von Tine Nowak unterstützt und hat sehr von einem Talk von Vanessa Vu und Minh Thu Tran über Minderheitenpodcasts profitiert, den die beiden im März 2019 auf der Subscribe 10 in Köln gehalten haben. Und auch von Nadire Y. Biskins Artikel bei refinery29.com sowie Rezensionen und Interviews der taz, die als eines von wenigen Medien regelmäßig BIPOC-Formate vorstellt.


Quellen

Bildquelle: Das Beitragsbild ist „Listen“ von Steven Shorrock, gefunden auf flickr (CC BY-NC-SA 2.0).

[1] Kate Lacey (2013): Listening Publics. The Politics and Experiences of Listening in the Media Age. Cambridge: Polity Press (Verlagslink).

[2] Monica Chadha, Alex Avila & Homero Gil de Zúñiga (2012): Listening In: Building a Profile of Podcast Users and Analyzing Their Political Participation. In: Journal of Information Technology & Politics, 9(4), S. 388-401. https://doi.org/10.1080/19331681.2012.717481.

[3] Photini Vrikki & Sarita Malik (2019): Voicing lived-experience and anti-racism: podcasting as a space at the margins for subaltern counterpublics. In: Popular Communication, 17(4), S. 273-287. https://doi.org/10.1080/15405702.2019.1622116.

[4] Siobhan McHugh (2014): Audio Storytelling. Unlocking the Power of Audio to Inform, Empower and Connect. In: Asia Pacific Media Educator, 24(2), S. 141-156. https://doi.org/10.1177%2F1326365X14555277