Der Forschung eine eigene Stimme verleihen

FYI: Diesen Text habe ich im Sept. 2018 für Aviso geschrieben, das ist die Mitgliederzeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft; er erscheint in Ausgabe 01/2019 als Debatten-Beitrag zum Thema Wissenschaftskommunikation. Ein Preprint könnt ihr hier als PDF herunterladen

Merkwürdig unkommunikativ sei sie, die Kommunikationswissenschaft. So oder ähnlich höre ich es gelegentlich, im Gespräch mit Journalist:innen, Multiplikator:innen oder Kolleg:innen anderer Fachbereiche. „Warum hört man so wenig von euch?“ werde ich gefragt – und mit einer Antwort tue ich mich schwer.

Die Frage, warum Stimmen der Kommunikationswissenschaft häufiger als bisher in der Öffentlichkeit stattfinden sollten, lässt sich einfacher beantworten: die Medien- und Kommunikationsforschung hätte eine Menge mitzuteilen. Zur Rolle von Medien und öffentlicher Debatte für Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt; zu medialen Veränderungsprozessen und ihren Folgen für Informationshandeln und Meinungsbildung; zur Bedeutung dieser Dinge in der Aushandlung globaler Herausforderungen wie Klimawandel, sozialer Gerechtigkeit oder Migration und Flucht. Dies sind nur einige der drängenden Fragen, zu deren Beantwortung wir als Fach mit unserer Forschung beitragen. Diese Erkenntnisse zu kommunizieren wird – dafür spricht nicht nur die Professionalisierung institutioneller Wissenschaftskommunikation – zunehmend als Aufgabe und Verantwortung der Wissenschaft gegenüber der Gesellschaft verstanden. Und dieser Vermittlungsprozess kann nicht nur in den Fachöffentlichkeiten, Journals oder auf Tagungen stattfinden, denn dort wird es schlichtweg nicht wahrgenommen. Wer darüber hinaus Gehör finden will, muss heutzutage auch ein Stück selbst dafür sorgen – als Einzelperson und als Fachgemeinschaft.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Nicht jede:r muss sich verpflichtet fühlen, den Medien-Erklärbär zu geben oder im öffentlichen Diskurs die Fahne des Fachs hochzuhalten. Denn einige Vorbehalte sind nicht von der Hand zu weisen: Forschende werden häufig zu Stichwortgebern, weil mediale Darstellungsformen Verkürzung erzwingen und zumeist zitierfähige ‚one-liner‘ statt differenzierter Einordnungen gefragt sind. Die Ansprüche wissenschaftlicher und medialer Vermittlung sind oft geradezu inkompatibel. Das kann frustrierend sein – und herausfordernd ist es noch dazu. Denn die Ansprache diverser Zielgruppen außerhalb der eigenen Fachgemeinschaft ist anspruchsvoll und Medientrainings nur ein Baustein, um die notwendigen Kompetenzen zu schulen. Sachlich, integer, nahbar, vielleicht sogar persönlich: Die eigene Stimme und Haltung zu finden, sei es in Interviews oder über Online-Kanäle – das braucht Zeit, Übung und ein wenig Mut. Doch es ist ein lohnendes Unterfangen.

Nicht nur wegen aufklärerischer Ideale oder der Sichtbarkeit, die man für Forschung aus der Fachgemeinschaft erwirken kann. Im Medien- oder Bildungsbereich etwa nehme ich großen Bedarf an Erkenntnissen aus unserem Fach wahr, ich erlebe Neugier und Wertschätzung für fachliche Impulse – und nehme daraus selbst Impulse mit. Zudem sehe ich hier eine Chance für junge Wissenschaftler:innen. Denn es ist angesichts teils ungewisser Zukunftsperspektiven durchaus von strategischem Wert, sich in außerakademischen Feldern zu vernetzen, als Ansprechpartnerin sichtbar zu werden und ein eigenes Profil aufzubauen.

Wünschenswert wäre ein kommunikatives Engagement aus dem Fach heraus, das nicht allein auf die Tools und Zuständigkeiten der institutionellen Kommunikationsabteilungen beschränkt bleibt. Wer, wenn nicht wir, hat einen so direkten Einblick in die Entstehungskontexte und Verständnis für die gesellschaftliche Tragweite unserer Forschung? Die „glaubwürdigen Protagonisten“, von denen Horst Hippler in Aviso Nr. 66 spricht, die in Zeiten antiaufklärerischer Bestrebungen Vertrauen in Wissenschaft herstellen und zum sachlichen Diskurs beitragen können und müssen – das sind wir.

Videos, Podcasts, Blogs, soziale Netzwerke – nie zuvor hatten Wissenschaftlerinnen derart vielfältige Kanäle an der Hand, um mit ihrer Arbeit in die Öffentlichkeit zu treten. Nicht nur zur ‚Vermarktung‘ der eigenen Forschung, auch explizit zum aktiven Austausch mit verschiedenen Gesellschafts- und Praxisfeldern. Und das nicht nur öffentlich, über digitale Kanäle, sondern vor allem ganz analog, auf Veranstaltungen oder anderswo, wo sich Gelegenheit bietet, nicht nur aufzuklären, sondern auch: sich aufklären lassen, für Fragen öffnen, ins Gespräch kommen. Diese ‚rezeptive‘ Haltung halte ich aktuell für besonders wichtig, da wir immer wieder aufgefordert sind, die Bedeutung von Wissenschaft und Forschung für Demokratie und Gesellschaft zu untermauern.

Halten wir fest: Die öffentliche Debatte um Kernthemen der Kommunikationswissenschaft findet, mit wenigen Ausnahmen, zu oft ohne die Fachgemeinschaft statt. Überwiegend reagieren wir auf Themensetzungen und lassen uns ins Formate pressen, statt selbst die zahlreichen Möglichkeiten zu ergreifen, die sich heute bieten, um Forschungserkenntnisse zu thematisieren oder aktuelle Fragen einzuordnen. Und vielleicht auch zu zeigen, wer wir sind und wie wir arbeiten (was zum Beispiel die Kernidee des BredowCast war, den ich 2014 am Hans-Bredow-Institut mitentwickelt habe). Es gibt bereits engagierte Menschen, die vormachen, wie es gehen kann und „kommunikativ stark[e]“ Wissenschaft praktizieren, um erneut Hippler zu zitieren. Jene, die irgendwo zwischen Akademie und Öffentlichkeit agieren und vermitteln, sollten endlich die gebotene Anerkennung finden. Denn aus ihren Aktivitäten und Erfahrungen – sei es im Netz, in klassischen Medien oder auf Podien – lässt sich eine Menge lernen. Zum Beispiel, dass Wissen(schaft)svermittlung aufwendig sein und kaum ‚nebenher‘ geleistet werden kann. Genauso wichtig wäre deshalb eine feste Verankerung, sprich: Förderung und bestenfalls Finanzierung dieser Aktivitäten.

Die Vermittlung und den Transfer von Wissen begreife ich als wesentlichen, bereichernden Aspekt meiner Arbeit als Forscherin. Das muss freilich nicht jeder so sehen. Doch wer die öffentliche Debatte nicht den Spitzers & Co. überlassen möchte, muss sich selbst in die Spur machen. Also: weniger zögern, mehr machen – kommuniziert eure Forschung, sonst übernehmen das andere.